Suhrkamp Verlag, Berlin 2026
ISBN
9783518588574 Gebunden, 154 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Andrea Hemminger. Mit einem Vorwort von Arianna Sforzini und einem Nachwort von Éric Fassin. Als Michel Foucault sein bahnbrechendes Unternehmen einer Geschichte der Sexualität zum ersten Mal vorstellte, kündigte er an, dass ein Band den Hermaphroditen gewidmet sein sollte. Mit der Neuausrichtung seiner Forschung auf die Antike gab er das Vorhaben jedoch auf. In seinem Nachlass findet sich allerdings ein faszinierendes Manuskript, das den Auftakt zu dieser Geschichte der Sexualität hätte bilden können - ein Text, der bis heute im Zeichen der politischen Kämpfe um Gender und Trans nichts von seiner Sprengkraft verloren hat. Anhand von Gerichtsprozessen, die zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert stattfanden, beleuchtet Foucault den Übergang von einem Rechtssystem, das ein Geschlecht aufgrund einer Entscheidung zuwies, zu einem System, das davon ausging, dass jedes Individuum ein einziges wahres Geschlecht hat, welches von der Medizin bestimmt wird. Foucault arbeitet historisch auf diese Weise die entscheidende theoretische Unterscheidung zwischen anatomischem Geschlecht und Sexualität heraus.
Rezensentin Petra Gehring, Philosophin an der Uni Darmstadt, lässt sich vom Thema des Bändchens derart mitreißen, dass sie Mühe hat, auf Foucaults Ausführungen dazu zu sprechen zu kommen. Erstmal schildert sie ausführlich, wie der Hermaphroditismus, die Abweichung von der "normalen" Geschlechtlichkeit im Lauf der Zeiten wahrgenommen und eingeordnet wurde, manchmal erstaunlich liberal, dann wieder zwanghafter. Je näher wir dem 19. Jahrhundert kommen, so scheint es, desto schlimmer wird es, desto mehr will der aufgeklärte Geist die "natürliche" Ordnung der Dinge festklopfen. Über Foucault spricht Gehring eigentlich nur im letzten Absatz ihrer Kritik: Dieser denke nicht von "Identität" her, sondern wohl eher im Sinne einer Fluidität (ein Wort, das bei Gehring allerdings nicht fällt). Vor allem preist sie seinen Zugang, für den er historische Gerichtsakten studiert hat, als "zutiefst liebevoll".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2026
Rezensent Andreas Mayer scheint fasziniert von diesem von Arianna Sforzini aus dem Nachlass publizierten Text von Michel Foucault aus dem Umkreis von "Sexualität und Wahrheit". Foucault analysiert darin laut Mayer Gerichtsprozesse aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die einen Wandel sichtbar machen vom Begriff des Hermaphrodismus als Monstrosität hin zu einem Verständnis als Perversität und weiter zu einem "sexuellen Sensorium" als Vorform von "Sexualität". Mayer streicht die Bedeutung von Foucaults Überlegungen für die Erhellung der Vorstellung von sexueller Identität heraus. Mangelhaft findet er das eher unverständliche Nachwort und die "ungelenke" Übersetzung. Das Original ist präziser und brillanter, meint er.
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