Die Lücken
Roman

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2026
ISBN
9783462005011
Gebunden, 512 Seiten, 25
EUR
Klappentext
Heimesbach im Hunsrück ist ein fiktiver Ort, an dem sich neunzig Jahre deutscher Geschichte in die Mauern und Biografien eingenistet haben. Es ist eine Gemeinde, die ihre Vergangenheit aktiv verschweigt und zugleich zum Zufluchtsort für diejenigen wird, die hier Geborgenheit suchen. Der Roman führt uns durch die Jahre und die Köpfe derer, die das Dorf prägten: von jüdischen Familien, die alles verloren, über NS-Profiteure, die sich als unschuldige Mitläufer neu erfanden, bis hin zu den Familien Sharifi und Karimpour, die Jahrzehnte später aus dem Iran flüchten. Shida Bazyar hat für diesen Roman den Deutschen Buchpreis 2026 erhalten.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 05.10.2026
Rezensent Adam Soboczynski spaziert mit Shida Bazyar durch ihr Heimatdorf Hermeskeil, ein einstiges Gaumusterdorf, das im Roman Heimesbach heißt. Für den Kritiker, der das Buch ohnehin mit viel Lob bedenkt, ist es der "Roman der Stunde": Erzählt werden in wagemutigen Zeitsprüngen nicht nur die Geschichten der aus dem Iran geflohenen Familien Sharifi und Karimpour, die im Dorf Rassismus, Neugierde und Gleichgültigkeit erfahren, sondern Bazyar zoomt auch immer wieder zurück in die Geschichte des Dorfes, so dass wir Handwerkern und Gastwirten begegnen, die bereits 1927 eine NSDAP-Ortsgruppe gründen oder Kneipenabenden in den 50ern und 70ern lauschen, in denen die NS-Zeit positiv umgedeutet wird, resümiert der Rezensent. Auch vom Schicksal der 21 ermordeten Juden aus dem Ort erfahren wir. Die kurzen Kapitel, die Bazyar ihren Figuren und dem Ort widmet, setzen sich wie ein Mosaik zusammen, fährt der Kritiker fort, der die Autorin in bester Brecht'scher Tradition sieht: Hier geht es weniger um Einfühlung als um Erkenntnisgewinn, meint er. Akribische Recherche und kluge Analyse machen diesen Roman zu einem der wichtigsten Bücher der Saison, schließt er.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 22.09.2026
Für Rezensent Paul Jandl ist Shida Bazyars Roman eine preiswürdige Wundertüte. Wie bei einer Matrjoschka enthüllt die Autorin kaleidoskopisch zwischen Zeiten und Figuren springend Geschichten und historische Schichten aus einem Dorf im Hunsrück. Es geht um Heimat und Erinnerung und um die Lücken darin, erklärt Jandl. Dass es Bazyar gelingt, 90 Jahre Geschichte in einem melancholisch gestimmten, atmosphärischen "Gemälde" zu verhandeln und über Flucht, Vertreibung und Mord zu erzählen, über das Politische wie das Private, hält Jandl für äußerst beeindruckend. Wie das Nazi-Gift in die Dorfgemeinschaft sickert und nach dem Krieg das kollektive Vergessen, darüber schreibt die Autorin pointenreich und ohne den Wunsch, etwas zu bereinigen, so Jandl begeistert.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 19.09.2026
Rezensent Jens Uthoff wirkt zunächst noch etwas verhalten angesichts der vielen euphorischen Kritiken zu Shida Bazyars neuem Roman, ist dann aber zunehmend überzeugt. Dabei mutet die Autorin ihren Lesern nicht wenig zu: Durch die erzählerische Meta-Perspektive einer Verstorbenen wird von der deutschen NS- und Post-NS-Geschichte aus einem "exiliranischen" Blickwinkel erzählt, und zwar auf mehreren Zeitebenen. Anker ist dabei die fiktive Stadt Heimesbach, angelehnt ans reale Hermeskeil in Rheinland-Pfalz, wo die Autorin selbst aufgewachsen ist. Herausfordernd findet der Kritiker diese Vielschichtigkeit, auch die Sprache sei schwierig; immer wieder "verhakt" er sich in komplizierten Sätzen. Aber je mehr er liest, desto deutlicher wird ihm, dass sich alles lohnt: es braucht die erzählerische Meta-Perspektive, um Kontinuitäten, Parallelitäten zwischen verschiedenen Zeiten herzustellen. Auch die Perspektiven des hilfsbereiten Heimesbachers Völker ebenso wie die des kurdischen Paares Azad und Asrin sind wichtig, um Differenzierung zu gewährleisten. Wie "filigran" Bazyar zwischen all dem die "Mechanismen des Ein- und Ausgeschlossenseins" im Dorf beleuchtet, dabei die Lücken in der NS-Aufbereitung aufzeigt und auch noch "extrem dicht" mit einer exiliranischen Perspektive auf deutsche Politik verknüpft, das hat für den Kritiker seinen Ruhm allemal verdient.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 10.09.2026
Shida Bazyars neuer, buchpreisnominierter Roman ist für Rezensentin Jolinde Hüchtker das "überwältigende Porträt" eines typischen deutschen Dorfes, das die eigene Nazi-Vergangenheit gern verdrängen würde. Keiner redet, keiner erzählt, deswegen hat Bazyar eine besondere Erzählperspektive gefunden, wie Hüchtker erklärt. Die Erzählerin ist als Kind geflohen, hat dann drei Jahre im Hunsrücker Heimesbach verbracht und schwebt nun als Tote über der Geschichte des Dorfes und kann sie von den Zwanzigern an erzählen. Die beeindruckte Kritikerin erfährt im Nachwort, dass Bazyar vieles aus der Geschichte des Städtchens übernommen hat, in dem sie aufgewachsen ist, so zum Beispiel einen KZ-Arzt, der in der Bundesrepublik ungehindert weiter praktizieren konnte. Mit Fingerspitzengefühl schreibt die Autorin laut Hüchtker über Juden, die gerade noch fliehen konnten oder über Deutsche, die die jede Schuld von sich weisen. Gerade das Zarte, aber doch unglaublich Präzise in ihrem Schreiben mache die Wucht des Buches aus, lobt die Kritikerin. "Das Grauen spricht für sich", findet sie. Ein Roman, der ohne Empörung die Lücken aufdeckt, die die deutschen Dörfer nur allzu gern in ihren Chroniken stehenlassen wollen, ist das Resümee.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 07.09.2026
Dieses Buch von Shida Bazyar sollte in den Schulen gelesen werden, findet Rezensentin Judith von Sternburg, denn es verrät einiges über die Nazi-Täter und Bystander, die nicht über ihre Taten und das Geschehene sprechen, über die titelgebenden Lücken in der Erinnerung. Bazyar wählt eine interessante Perspektive: Die Erzählerin ist bereits tot und schwebt nun als Geist über der Handlung, sie hat selbst drei Jahre in dem kleinen Dorf gelebt, um das es geht, Heimesbach, ein Dorf wie viele andere. Unter den 3.000 Einwohnern gibt es 45 Juden, von denen kaum einer die Nazi-Zeit überlebt, schildert Sternburg, die Autorin verwebt die Geschichten der verschiedenen Seiten laut ihrer Schilderung meisterhaft miteinander. Da sind zum Beispiel Johanna und Lore, erstere ist Jüdin, sie kann nicht mehr rechtzeitig fliehen, zweitere schließt sich den Nazis an, lesen wir, später wird sie Turnlehrerin, im Altenheim wird noch in den Neunzigern Hitlers Geburtstag gefeiert. Virtuos lässt Bazyar immer wieder Kippmomente entstehen, die das Buch so großartig und zu einem wichtigen Zeugnis dessen machen, was Verdrängung anrichten kann.
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Süddeutsche Zeitung, 04.09.2026
Rezensentin Vera Schroeder möchte Shida Bazyars "Heimatepos" über das Leben im fiktiven pfälzischen Ort Heimesbach, das die Autorin über fast ein ganzes Jahrhundert auffächert, gleich noch einmal lesen, so vielschichtig sind die Geschichten über Gewalt, Traumata, Gleichgültigkeit und Sehnsüchte. Die Magie des Romans liegt für Schroeder in der Nähe zu den Figuren und der gleichzeitigen Distanz der Figuren untereinander, dem vielen Ungesagten und Verdrängten, das die Autorin andeutet, etwa wenn es um das Verhalten während des Nationalsozialismus und die jüdischen Bewohner geht. Wie Emotionen durch die Zeiten bis ins Heute nachwirken, vermag Bazyar laut Schroeder zu verdeutlichen. Ein Buch wie eine vielschichtige Zimmerwand, die vom Leben vieler Bewohner berichten kann, findet Schroeder begeistert.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 04.09.2026
Sehr souverän hat Shida Bazyar einen "modernen" Anti-Heimat-Roman geschrieben, urteilt der zufriedene Rezensent Tino Schlench: Sie widmet sich dem fiktiven Dorf Heimesbach im Hunsrück, angelehnt an den Ort, in dem sie aufgewachsen ist. Heimesbach ist ein Vorzeige-Nazi-Dorf, das schnell "judenfrei" war und heute versucht, alle Spuren an die Verbrechen der Shoah unter den Teppich zu kehren. Gedenktafeln kann man dort leicht übersehen, die enteigneten Besitztümer der Ermordeten will niemand zurückgeben. Besonders ist die Erzählerin: Sie ist eine Tote, ein Geist, die selbst in den 1990er Jahren als Geflüchtete kurz in dem Ort gelebt hat, warum sie jetzt in den Ort zurückkehrt, kann sie sich nur als Versehen oder als Ritt in die Hölle erklären, so Schlench. An ihre Schwester gerichtet spricht sie über die Unmöglichkeit, hier ein Zuhause zu finden. Geradezu meisterlich findet der Kritiker, wie hier zudem die Perspektiven der Ortsbewohnerinnen über knapp neunzig Jahre zu Wort kommen: Jüdischen Kaufleuten, Faschisten, Geschichtsvergessene und andere bilden ein chronologisches Stimmengewirr, das die Widersprüche und Zusammenhänge der Dorfgemeinschaft ausleuchtet. Ein klug und mutig komponierter und elegant geschriebener Roman über verdrängte Erinnerung - oder schlicht: Ein "großer Wurf", schließt der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2026
Den "bemerkenswertesten deutschen Roman dieses Bücherherbstes" sieht Rezensent Andreas Platthaus in Shida Bazyars Buch. Der Titel ist Programm, denn es geht um jene Lücken, die die deportierten und ermordeten jüdischen Bewohner der Ortschaft Heimesbach im Hunsrück hinterlassen haben. Erzählt wird die Geschichte des Ortes von einer Toten, nämlich von einem Flüchtlingskind, das ein paar Jahre lang in Heimesbach lebte. Mit "göttergleicher Allwissenheit und irdischer Erfahrung" schildert das zehnjährige Mädchen das Geschehen. Die meisten Namen im Buch sind nicht echt, den Ort gibt es allerdings wirklich, er heißt Hermeskeil und Bazyar wuchs selbst dort auf. Dass Bazyar ihre Migrations- und Ausgrenzungserfahrungen in ihr Buch anhand des Schicksals von zwei geflohenen persischen Familien einfließen lässt, macht für Platthaus dessen besonderen Stellenwert aus. Gleichzeitig sensibel und wütend ist dieser Text für den Kritiker, gerade auch die autobiographischen Einflüsse sowie Bazyars phänomenales Erzähltalent machen aus dem Buch "ein großes Kunstwerk", das viele Leser auch mit ihren eigenen blinden Flecken im Blick auf die Welt konfrontieren wird, schließt der enthusiastische Rezensent.