Intervention

Die Dialektik von Schweigen und Benennen

Von Thierry Chervel
11.10.2026. Philippe Sands beklagte in seiner Friedenspreisrede das Schweigen über Verbrechen Israels, die er aber selber gar nicht benannte. Er kritisierte die deutsche Regierung, forderte, dass sie Palästina anerkenne und Israel sanktioniere. Die "Staatsraison" nannte er rassifiziert. "Schweigen - und Schweigen über Verbrechen - ist, was ich anfechte und worüber ich schreibe", sagte er - und schien die klaffenden Leerstellen in der eigenen Rede gar nicht zu bemerken.
Als Philippe Sands zu Beginn seiner Rede seine Freude über die Auszeichnung Navanethem Pillays mit dem Friedensnobelpreis bekundete und sagte, sie sei ja im selben Geist geschehen, war der Ton gesetzt. Er wusste vielleicht nicht, was Pillay inzwischen alles vorgeworfen wird: dass sie Dänemark beim Thema der Mohammed-Karikaturen in den Rücken fiel, als sie als UN-Menschrechtskommissarin die Redefreiheit der Karikaturisten hätte verteidigen müssen. Auch die Karikaturen von Charlie Hebdo verurteitelte sie 2012 nur in scharfen Worten und desolidarisierte sich mit den später ermordeten Zeichnern. Sie blieb 2010 der Nobelpreis-Auszeichnung des von China eingekerkerten Liu Xiaobo fern, weil China ihre Anwesenheit übel genommen hätte. Und ihr wird bei der Frage der Verbrechen gegen die Uiguren ein skandalöses Verhalten vorgeworfen.

Philippe Sands kam mir bisher immer wie das vornehme Gesicht der Israelkritik vor. Als einer der berühmtesten Anwälte der Welt muss er in Sachen Israel über Argumente verfügen, die ein gewöhnlicher Sterblicher wahrscheinlich nicht mal versteht. Mit entsprechendem Respekt wurde er in den Medien ja hoch und runter interviewt. Sein Buch über Lemberg muss großartig sein, hier verschränkt er die Geschichte seiner Familie mit der Erfindung der Begriffe des "Verbrechens gegen die Menschlichkeit" und des "Völkermords" durch Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin in eben dieser Stadt.

In den Interviews sagte er, dass er sich nicht über den Völkermordvorwurf gegen Israel äußern werde, weil die Anklagen noch anhängig seien. Mit weiteren Vorwürfen gegen Israel hielt er sich in seiner Rede allerdings nicht zurück. Im Grunde ließ er die Maske fallen. Komplizierte juristische Verklausulierungen ersparte er dem Publikum, das erleichtert den üblichen Szenenapplaus spendete. Er warf zwar Israel nicht explizit Völkermord vor, aber davon abgesehen wartete er mit dem ganzen Arsenal der Klischees über Israel auf, das von der internationalen Linken seit dem 7. Oktober entwickelt wurde. Gewiss, das Verbrechen der Hamas sei genozidal, und Israel habe das Recht sich zu verteidigen, aber damit war die andere Seite des Konflikts auch abgehakt.

Das ganze letzte Drittel der Rede war dem Gaza-Konflikt gewidmet. Er beklagte Israels Verbrechen, ohne sie zu benennen. Welche "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", die Israel begangen haben soll, meinte er genau? Er machte kein einziges dingfest, weder Verbrechen der politischen Führung, noch der israelischen Armee, noch einzelner Soldaten.

Was er aber beklagte, war das Schweigen über diese von ihm selbst nicht genannten Verbrechen, und hier kritisierte er vor allem das Verhalten der deutschen Regierung und Öffentlichkeit. Der Regierung warf er vor, dass sie zu Israel steht und dass sie nicht zu Sanktionen greift. Auch eine Anerkennung eines palästinensischen Staates - der einzige Staat, der anerkennt werden soll, ohne dass er existiert - forderte er. Zur "Staatsraison" sagte er: "Eine echte, nicht rassifizierte 'Staatsraison', muss doch wohl das Schweigen über Völkerstraftaten brechen, wo auch immer sie geschehen und durch wen auch immer sie begangen werden, auch wenn es Freunde, vor allem wenn es Freunde sind."

Erstaunlich ist die Dialektik von "Schweigen" und Benennen in Sands' Rede. 

"Schweigen - und Schweigen über Verbrechen - ist, was ich anfechte und worüber ich schreibe", sagte er. Beachtlich, dass jemand, der seiner selbst so sicher ist, die klaffenden Leerstellen in seiner eigenen Rede nicht mal zu bemerken scheint: Er verteidigte die Redefreiheit von Autorinnen wie Adania Shibli und Eva Menasse, die die Ehre persönlicher Nennung hatten, und auch die Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor, "welche die Macht von Worten, Bildern und Regeln nutzen, um die Autonomie und die Rechte von Individuen und Gruppen zu schützen."

Kein Wort verlor er hingegen über Hamza Abu Howidy, Ahmed Fouad Alkhatib und andere palästinensische und arabische Intellektuelle, die verzweifelt das Gewaltregime der Hamas im Gazastreifen anprangern und die anders als Menasse oder Shibli ihre Gesellschaften nicht von innen kritisieren könnten, denn die Hamas hätte ihnen längst die Knochen gebrochen. Auch der Anteil der Hamas, die sich feige und programmatisch hinter ihrer Bevölkerung verschanzt, am Blutzoll der Palästinenser in Gaza wurde von Sands nicht einmal angesprochen.

Jene palästinensische Autonomiebehörde, die Sands vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag vertrat, um die israelische Besetzung des Westjordanlands als Völkerrechtsbruch verurteilen zu lassen, hat gerade bekannt gegeben, dass die für November geplanten Parlamentswahlen nun doch wieder auf das nächste Jahr verschoben worden sind. Mahmud Abbas, übrigens ein Holocaustleugner, ist inzwischen 90 Jahre alt und seit 2006 ohne störende Wahlen im Amt. Ist das der Staat, den Deutschland mal eben anerkennen soll?

In seinem Plädoyer in Den Haag sagte Sands, alle UN-Staaten, die das Völkerrecht anerkennen, müssten "die Besetzung durch Israel unverzüglich beenden. Keine Hilfe. Keine Unterstützung. Keine Mitschuld. Kein Beitrag zu gewaltsamen Maßnahmen. Kein Geld, keine Waffen, kein Handel, gar nichts. Alle UN-Mitglieder sind gesetzlich verpflichtet, die Präsenz Israels auf palästinensischem Gebiet zu beenden. Punkt." Aber was genau fordert er von dem Regime, das er in Den Haag vertrat?

Sands, von dem ich eine besonders intelligente Verteidigung israelkritischer Positionen erwartet hätte, hat sich in seiner Rede als gewöhnlicher Linker erwiesen. Seine Rede ließ er mit einem Cohen-Song ausklingen, allzu ergriffen von der eigenen Erhabenheit.

Thierry Chervel
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